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Book Details

Schreiben im Designstudium

Author(s): Janina Tosic

Edition: 0, 2017

ISBN-10: 0

ISBN-13: 9783825248451




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One Response

  1. Daniela Meinhardt

    Am Ursprung des Buches von Janina Tosic steht eine Vision: Die Vision einer »Generation von DesignerInnen, die eine positive Einstellung zum Schreiben hat und es als Werkzeug beim Gestalten einsetzt« (7). Dieser Vision sind Anlage, Inhalt und Aufbau des Buches geschuldet – wer es also in erster Linie in die Hand nimmt, weil er sich einen detaillierten Leitfaden für die eigene Abschlussarbeit erhofft, wird eventuell enttäuscht. Zwar widmet Tosic zwei der insgesamt fünf Kapitel dezidiert dem wissenschaftlichen Schreiben im Design, doch ist ihre eigentliche Zielsetzung eine sehr viel grundlegendere. Sie möchte »Lust am und Mut zum Schreiben« (16) wecken und angehende DesignerInnen dazu ermuntern, das Schreiben als Gestaltungswerkzeug für sich zu entdecken und mit Worten ebenso selbstverständlich zu experimentieren wie mit visuellen Ausdrucksmitteln.

    Kapitel eins macht deutlich, dass dieser Ansatz nach wie vor alles andere als selbstverständlich ist. Tosic bricht hier mit dem gängigen Klischee, dass gute Gestaltung keine Worte brauche und verdeutlicht auf wenigen Seiten, dass und warum dem Schreiben auch im Design eine hohe Relevanz zukommt. Ausgehend von Parallelen zwischen Schreib- und Gestaltungsprozessen, stellt sie das Schreiben als Gestaltungs-, Kommunikations- und Reflexionsinstrument vor und plädiert dafür, es auch als Werkzeug zur Identitätsfindung und »Selbst-Verortung« innerhalb des Designs zu nutzen. Ist dieses Kapitel noch vergleichsweise abstrakt formuliert, macht Kapitel zwei sehr konkrete Vorschläge, wie sich das Schreiben in die eigene Gestaltungspraxis integrieren lässt. Tosic wirbt hier dafür, das DesignerInnen so vertraute Skizzenbuch mit Textmaterial zu verknüpfen und als Reservoir für Ideen, Beobachtungen und künftige Gestaltungsprojekte zu nutzen. Dazu bietet sie eine Fülle von Schreibübungen mit unterschiedlichen Zielsetzungen an. Ein großer Teil ist darauf angelegt, die eigene Wahrnehmung und Beobachtungsgabe zu schärfen, Perspektivwechsel zu trainieren oder das eigene Schreiben zu reflektieren. Andere zielen darauf ab, sich stilistisch weiterzuentwickeln, kollaborative Schreibprozesse zu gestalten oder einfach mit Sprache zu spielen, um das eigene Sprachbewusstsein zu fördern. Alle Übungen machen Lust, einfach loszulegen und ihr Potential für die eigene gestalterische Arbeit zu erkunden. Dies gilt umso mehr als Tosic selbst immer wieder Bezüge zu Gestaltungsprozessen schafft und ihre LeserInnen dazu einlädt, die Übungen der eigenen Arbeit anzupassen. Schreiben im Designstudium, so die Botschaft, ist keineswegs der Abschlussarbeit vorbehalten, sondern kann und soll Designstudierende vom ersten Semester an begleiten. Im Vordergrund steht dabei stets die Lust am Schreiben und Entdecken, was auch durch Tosics eigenen lebhaften Stil und ihren Mut zu unkonventionellen Ratschlägen unterstrichen wird. So rät sie beispielsweise zu möglichst bildhaften Verben, wie etwa »popeln, werfen, ducken, krakeelen […]« (45), und bewegt sich mit diesem Plädoyer für einen spielerischen Umgang mit Sprache deutlich jenseits dessen, was im deutschen Hochschul- und Wissenschaftskontext üblicherweise erwartet wird.

    Stärker in den Vordergrund rücken diese Erwartungen des Wissenschaftsbetriebs, wenn sich Tosic in Kapitel drei schließlich den »Grundlagen des wissenschaftlichen Schreibens im Design« (60) zuwendet und sich mit inhaltlichen und formalen Kriterien für wissenschaftliche Texte befasst. Auch hier legt sie großen Wert auf individuelle Schreibpersönlichkeiten, wenn sie elf Tipps gegen Schreibblockaden formuliert oder dazu rät, dem eigenen Schreibtyp auf den Grund zu gehen, um geeignete Schreibstrategien zu entwickeln. Ihre Ausführungen zu formalen Kriterien und den beiden gängigen Textsorten im Designstudium – Dokumentation und Hausarbeit – wirken vor diesem Hintergrund überraschend schablonenhaft. Beschränken sich erstere vor allem auf die Empfehlungen, sich an die style guides der eigenen Hochschule zu halten und »von ungewöhnlichen Formaten« (70) abzusehen, werden die genannten Textarten reichlich schematisch anhand von Beispielgliederungen und narrativen Grundmustern vorgestellt. Diese »Generalrezepte« sind aus zwei Gründen problematisch. Zum einen vermögen sie der gerade im Design so bedeutenden Vielgestaltigkeit und Freiheit nicht gerecht zu werden, da die individuelle Gestaltung schriftlicher Arbeiten hier oft ein wesentlicher Teil der Aufgabenstellung ist. Zum anderen drohen diese Rezepte den Blick darauf zu verstellen, dass auch das wissenschaftliche Schreiben keine lästige »Pflichtübung« im Rahmen vorgefertigter Plots oder »Templates« (76) sein muss. In wissenschaftlichen Texten ist die Arbeit am Text immer auch Arbeit am Gedanken und in dieser erkenntnisgenerierenden Funktion liegt vermutlich die Antwort auf die von Tosic offen gelassene Frage, wie sich wissenschaftliches Schreiben mit jenem individuellen und »lustvollen« Schreiben vereinbaren lässt, das sie zuvor so überzeugend beworben hat.

    Kapitel vier widmet sich mit Ausführungen zur Abschlussarbeit dem wohl umfangreichsten Schreibprojekt, dass Designstudierende zu bewältigen haben. Tosic konzentriert sich hier weniger auf das Produkt als auf den Prozess, den sie in mehrere, iterativ verlaufende Phasen unterteilt. Besonderen Wert legt sie dabei darauf, den zu Beginn stehenden »Schreibauftrag« zu klären, Strukturierungsmöglichkeiten zu (er)finden, eine erste rohe Textversion zu erstellen und diese dann in mehreren Schleifen gründlich zu überarbeiten. Dabei konzentriert sich die Autorin stets auf das Wesentliche, verweist zur Vertiefung eher auf andere Schreibratgeber wie Judith Wolfsbergers Frei geschrieben (Wien/Köln/Weimar 2010), erläutert Besonderheiten gestalterischer Arbeiten und gibt eine Reihe von Schreibimpulsen. Ohne sich in Details zu verlieren oder unumstößliche Regeln zu formulieren, gibt das Kapitel damit einen sehr guten Überblick über alle Etappen eines gelungenen Schreibprozesses und hilft bei dessen Bewältigung.

    In den »Abschlussgedanken« kommt Tosic noch einmal auf ihre ursprüngliche Zielsetzung zurück. Sie äußert den Verdacht, dass sich die Schwierigkeiten vieler Designstudierender mit dem wissenschaftlichen Schreiben vermutlich nicht durch das Lesen eines Buches beheben lassen werden und plädiert erneut dafür, das Schreiben als selbstverständliches gestalterisches Handwerkszeug in jedem Designstudium zu etablieren. Dazu aufgefordert sind indes nicht nur Studierende, sondern vor allem auch Lehrende und es ist dem Tosics Ratgeber zu wünschen, dass er in beiden Dialoggruppen viele experimentierfreudige LeserInnen findet.

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